Sozial, pragmatisch, individuell

Das Erziehungshilfezentrum Adelgundenheim in München wurde im März 2015 als außergewöhnlicher Ausbildungsbetrieb vom Bayerischen Staatsminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Helmut Brunner ausgezeichnet. Was die Einrichtung so besonders macht, was es mit dem Sozialprojekt namens „allrAUnd“ auf sich hat und welche Rolle die Hauswirtschaft dabei spielt: rhw management hat das Heim besucht und Fragen gestellt.

„Ich habe neulich nachgezählt: Seit 1998 haben wir insgesamt 87 Auszubildende aufgenommen“, fasst Claudia Klüpfel, seit 1995 Hauswirtschaftsmeisterin im Adelgundenheim, eine stattliche Zahl zusammen. Die Einrichtung musste allerdings erst einmal diverse Hindernisse überwinden, um jungen Menschen die Möglichkeit einer Ausbildung zu schaffen. Klüpfel sagt dazu: „Klar, es mussten einige Verwaltungshürden überwunden werden. Letztendlich geht es darum, jungen Menschen eine Perspektive zu geben; und wenn ich solch einen Bedarf entdecke, setze ich alles daran, diesen zu befriedigen. Auch wenn es anfangs nicht ganz leicht ist.“

Die Anstrengung hat sich gelohnt, denn 1998 schließlich konnten sich die ersten jungen Menschen im Adelgundenheim zum/zur Hauswirtschafter/in und zum/r Hauswirtschaftstechnischen Helfer/in (seit 2015 heißt die Ausbildung Fachpraktiker/in Hauswirtschaft) ausbilden lassen. 2000 folgten die Lehrzweige zum/zur Beikoch/köchin (seit 2015 als Fachpraktiker/in Küche bezeichnet) und zum/r Kaufmann/frau zur Bürokommunikation (seit 2015 Kaufmann/frau für Büromanagement).

Die Ausbildung gestaltet sich nicht immer einfach. Die Auszubildenden, teilweise sind sie im Adelgundenheim aufgewachsen, teilweise kommen sie von außerhalb, müssen stets individuell gefördert, ihre Bedürfnisse individuell berücksichtigt werden. Fast alle Aspiranten stammen aus schwierigen Familienverhältnissen – dementsprechend ist eine der vielen Aufgaben des Heimes der Familienersatz, die Erziehung zur Beziehungsfähigkeit, zur Selbstständigkeit, zur Mündigkeit.

Überall, vielseitig, alleskönnend
Einige der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Heims gaben sich jedoch nicht mit der bloßen Schaffung von Ausbildungsplätzen zufrieden. Denn oftmals standen ihre Schützlinge trotz abgeschlossener Ausbildung danach auf der Straße. Die Jugendlichen sollen jedoch dauerhaft auf dem Arbeitsmarkt untergebracht werden. Daher kam die Idee, den Auszubildenden den Einstieg in den 1. Arbeitsmarkt zu erleichtern.

Konkret wurde dies 2009 mit dem Projekt „allrAUnd“, das hauswirtschaftliche Dienstleistungen anbietet. Hier fanden die ersten Arbeitnehmer einen neuen Arbeitsplatz, erzählt die Hauswirtschaftliche Betriebsleiterin Judith Finger. Heute hat das Projekt sage und schreibe 40 Mitarbeiter – Tendenz steigend. „Wir führen beinahe jede Woche ein Bewerbungsgespräch!“, so die HBL.

Der Name des Sozialprojekts leitet sich vom englischen ‚allround‘ ab, was so viel bedeutet wie ‚überall‘, ‚vielseitig‘ oder auch ‚alleskönnend‘. Allerdings wurde das ‚o‘ durch ein ‚a‘ ersetzt und zusammen mit dem ‚u‘ in Großbuchstaben geschrieben. Zurückzuführen ist dies auf den Standort des Projekts: im Herzen Münchens, im Stadtteil Au, direkt an der Isar. Dort fühlt man sich heimisch, am rechten Platz.

Aufgenommen werden junge Menschen mit physischen und/oder psychischen Einschränkungen. Ziellosigkeit und Desinteresse sollen Schlüsselqualifikationen wie Pünktlichkeit und Verlässlichkeit weichen. Die meisten jungen Menschen haben zudem Probleme, Arbeitsstrukturen zu akzeptieren und Verantwortung zu übernehmen. „Schon das Lesen einer Uhr oder die Lösung einfachster Rechenaufgaben stellt die meisten vor große Schwierigkeiten“, so Christina Huber, eine Hauswirtschafterin der Einrichtung. Man müsse teilweise wirklich am Nullpunkt beginnen.

Eva Maria Reichert

www.adelgundenheim.de
www.allraund.de
www.kjf-muenchen.de

Mehr zum Thema lesen Sie in der rhw management-Ausgabe 6/2016

Foto: Eva Maria Reichert