„Alle sind für die Kinder da!“

Das Städtische KinderTagesZentrum St. Martin (KiTZ) in München bietet seinen Kindern Essen aus aller Welt an. Verständlich, dass da die Hauswirtschaft besonders gefragt ist. rhw praxis besuchte die Einrichtung und sprach mit Hauswirtschaftsleiterin Maria Beer.

„Bei uns sind alle für die Kinder da! Sowohl die pädagogischen als auch die hauswirtschaftlichen Fachkräfte!“, so Vera Dopfer, welche bereits seit 20 Jahren die Leiterin des KinderTagesZentrums ist.
Beim KiTZ handelt es sich um eine Integrationseinrichtung. In jede Gruppe wird ein Kind mit erhöhtem Förderbedarf integriert. Unter den insgesamt 140 Kindern des KiTZ sind 40 Kinder im Krippenalter. Diese Krippenkinder sind allerdings nicht in einer separaten Gruppe untergebracht, sondern spielen, lernen und essen gemeinsam mit den Drei- bis Sechsjährigen. Die Kinder können dadurch voneinander lernen und erfahren sehr früh, auf andere Rücksicht zu nehmen.

Viele der Kinder haben einen Migrationshintergrund. Auf diese Weise kommt es nicht nur automatisch zur Alters-, sondern auch zur gewünschten kulturellen Vielfalt. „Wir haben derzeit Familien aus 32 Ländern dieser Erde – von Finnland bis Portugal, von Georgien bis China“, berichtet Einrichtungsleiterin Vera Dopfer. Diese Vielfalt hat sie auf eine Idee gebracht: Seit 16 Jahren gibt es die so genannten „Interkulturellen Wochen“. Zweimal jährlich ‚reist‘ die gesamte Einrichtung in ein fremdes Land, aus dem eines der Schützlinge stammt. Natürlich wird nicht im wörtlichen Sinne gereist – allerdings mit allen Sinnen. Einer der wichtigsten Aspekte dabei: die internationale Küche. Und dabei ist natürlich die Hauswirtschaft und mit ihr die Hauswirtschaftsleiterin der Einrichtung, Maria Beer, gefragt.

Eltern bringen Rezepte mit
Das Haus hat eine Frischkochküche. Maria Beer ist sehr froh darüber, dass alle Kinder vom frisch gekochten Essen profitieren. Diese Art der Küche ermöglicht erst Sonderaktionen, wie eben die interkulturellen Wochen. „Was ich persönlich an diesen Wochen sehr liebe, ist die Vorbereitungszeit. Ich mag es wahnsinnig gerne, mich auf die jeweiligen Länder und kulinarischen Besonderheiten vorzubereiten. Ich bin in diesen Zeiten auch auf dem Viktualienmarkt, um dort die benötigten Zutaten zusammenzusuchen“, berichtet Maria Beer. Auch manche der zu betreuenden Kinder besuchten des Öfteren bereits mit ihren Erziehern den Viktualienmarkt und konnten die Farben und Gerüche fremder Welten hautnah erleben. „Wir finden es sehr wichtig, dass Kinder früh verschiedene Geschmäcker und Kulturen kennen lernen“, erklärt Einrichtungsleiterin Vera Dopfer die Bedeutung der interkulturellen Wochen.

Für das gesamte Haus, für die Erzieher/innen und Hauswirtschafter/innen, für die Kinder und für die Eltern sind diese Wochen immer wieder ein Highlight, welches mittlerweile niemand mehr missen möchte. Jedoch: So schön es ist, in fremden Kulturen zu stöbern, sie zu erforschen, so zeitaufwendig ist es auch. Allerdings stellt sich Maria Beer dieser Aufgabe mehr als gern. Wenn sie darüber berichtet, spürt man ihre Begeisterung für die Sache, beispielsweise, wenn sie von der indischen Woche erzählt: „Das Haus hat nach indischen Gewürzen geduftet, und beim Abschlussfest wurden auch die typisch indischen Saris getragen“, schwärmt Maria Beer. Die finnische Woche war für die Hauswirtschaftsleiterin ein weiteres Highlight. Die Großmutter eines finnischen Kindes hat sie beim Suchen der Zutaten und beim Kochen intensiv unterstützt.

Die Rückmeldungen der Eltern sind durchweg positiv. Insbesondere die Familien, die nicht aus Deutschland kommen, fühlen sich durch die interkulturellen Wochen wahrgenommen. Eine Eingliederung der Kinder und ein Verständnis für die scheinbar fremde Kultur werden durch derartige Aktionen viel leichter möglich. „Über das Essen läuft so viel. Unsere Eltern, die eine interkulturelle Woche mitgemacht haben, gehen nach der Aktion ganz anders auf uns zu“, so Vera Dopfer.

Außerdem, das betont Maria Beer, sei sie keine Freundin von Rezeptanleitungen aus dem Internet. Daher freue sie sich besonders, wenn ihr Rezepte angeboten werden, die teilweise seit Generationen innerhalb einer Familie weitergegeben werden. Manche Rezeptideen wären ohne familiäre Hilfe für Maria Beer kaum erreichbar – etwa Ideen aus der aus Südostasien stammenden tamilischen Küche.

Neben den interkulturellen Wochen veranstaltet das KiTZ einmal im Jahr die so genannte „Reise in die Vergangenheit“. „In diesem Jahr waren wir bei den Wikingern. Es gab unter anderem Haferbrei und Brot aus Urkorn. Denn Weizen, wie wir ihn heute kennen, gab es damals noch nicht. Und die Eltern konnten guten Getreidekaffee probieren“, berichtet Maria Beer.

Eine weitere Besonderheit ist das Frühstücksbüffet, das einmal monatlich stattfindet. Die Kinder lernen dadurch, sich zu entscheiden und ein Maß für sich und ihre Bedürfnisse zu finden. „Wir waren schon erstaunt, dass bei uns manche Kinder nur mit einem Teller Obst zufrieden sind.“ Natürlich können sie sich nach Wunsch mehrfach bedienen.

Eva Maria Reichert

Mehr zum Thema lesen Sie in der rhw praxis-Ausgabe 3/2016

Foto: Eva Maria Reichert