Aus Non-Food-Milch werden Textilien

Anke Domaske ist Diplom-Biologin und sehr modeinteressiert. Gute Vorraussetzungen, um mit Qmilch eines der ungewöhnlichsten Projekte der deutschen Textilbranche zu verfolgen: Aus Inhaltsstoffen von Milch, die sonst vernichtet werden würde, fertigt die Gründerin des Unternehmens Kleider!

Wie kamen Sie auf die Idee, aus Milch Textilien zu machen?
Als mein Schwiegervater an Krebs erkrankt war, hatte er ein kaum noch funktionierendes Immunsystem und reagierte besonders empfindlich und allergisch auf Textilien. Dies war für mich der Anlass, für ihn ein entsprechendes Textil zu suchen. Denn selbst auf Baumwolle oder Seide sind meist Rückstände aus Pestiziden zu finden, die einige Menschen deshalb nicht tragen können.

Und so sind Sie auf die Milchfasern gestoßen?
Ja, die Methode, Fasern aus Milch zu produzieren, wurde bereits im Jahr 1930 erfunden. Das war zu einer Zeit, bevor Polyester und Co. diese Technologie wieder komplett verdrängt haben. Immerhin wurden damals 10.000 Tonnen pro Jahr in Europa produziert, zum Beispiel als Wollbeimischung. Doch das Verfahren war sehr aufwändig, außerdem braucht man dazu giftige Stoffe wie Formaldehyd und bis zu 60 Stunden Arbeit.

Als ich dann auf die Milchfasern gestoßen bin, haben wir uns genau angeschaut, welche Defizite das Verfahren hat, und wie man diese mit natürlichen Rohstoffen wie Bienenwachs oder Kleie verbessern kann. Wir haben uns an einem Freitag für 200 Euro einen Marmeladenkochtopf, eine Herdplatte und einen Mixer sowie diverse Zutaten und Milch besorgt und begonnen, das ganze Wochenende zu experimentieren. Der Mixer funktioniert übrigens heute noch.

Würden Sie einem Laien bitte die Herstellung erläutern?
Im Prinzip ist die Herstellung ganz einfach: In einer Art Nudelmaschine wird das getrocknete Milchweiß mit natürlichen Rohstoffen und Wasser vermengt. Diese Masse wird dann durch sehr feine Löcher gepresst und anschließend getrocknet. So entstehen feine Fasern wie Seide, die dann auf eine Spule gezogen werden.

Könnte ein Milcheiweißallergiker beim Tragen solcher Stoffe nicht Probleme bekommen?
Nein, das dürfte keine Reaktionen auslösen. Die Kleidung riecht übrigens auch nicht nach Milch. Das Thema Allergien ist jedoch sehr komplex, so dass ich nichts ausschließen möchte. Das Milchprotein wird durch den Herstellungsprozess stark verändert und nicht über den Gastrointestinaltrakt aufgenommen. Die deutlich größere Gruppe sind ja ohnehin Menschen, die keine Allergie, sondern eine Intoleranz haben. Sie können Milchzucker, also Laktose, schlecht verdauen – und das hat mit dem Milcheiweiß nichts zu tun.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie damals sagen konnten: Ja, so funktioniert es?
Nach etwa zweieinhalb Jahren, das war 2014, konnten wir tatsächlich mit dieser Idee in die Produktion gehen. Die Fasern sind waschbeständig bis 60 Grad, sie können gebügelt werden und sind schleuderfest. Selbst Textilexperten haben nicht daran geglaubt, dass dies zu schaffen ist. Als die Probephase durchlaufen war, haben wir dann in einem Bremer Spinninstitut etwa sechs Kilogramm Fasern pro Stunde hergestellt. Ein Durchbruch!

Welche fertigen Textilien kann man heute bereits kaufen?
Schon jetzt kann man auf meiner Modelinie* Kleidung kaufen. Für ein Kleid brauchen wir etwa drei Liter Milch. Nach und nach wollen wir dann Ende 2016 auch weitere Produktklassen anbieten wie etwa Bettwäsche oder T-Shirts. Zuvor müssen jedoch noch viele Stationen und Aspekte bedacht werden, wie die geeignete Spinnerei, die Stoffhersteller, die Färberei, Messeauftritte und das Konfektionieren. Erst wenn diese Kette komplett geschlossen ist, werden wir die Kleidungsstücke in größeren Stückzahlen anbieten können.

Welche Zielgruppen sehen Sie für diese Fasern und Textilien?
Denken Sie allein an die sechs Millionen Neurodermitiker, die allergiefreundliche Kleidung dringend suchen. Uns rufen immer wieder verzweifelte Kunden an, die selbst in Biobaumwolle nicht schlafen können. Das gesamte Thema Allergene und Kleidung wird in Deutschland unterschätzt und ist sehr komplex. Und Milch wird ja schon seit hunderten von Jahren als Heil- und Schönheitsmittel für die Haut eingesetzt, auch Milch-Kosmetika gibt es bei uns.
Interview: Robert Baumann

Mehr zum Thema lesen Sie in der rhw praxis-Ausgabe 3/2015

Foto: Qmilch GmbH